Werft mein Vertrauen nicht weg!

Der Kirchentag ist vorbei. Die erste Nacht wieder in einem richtigen Bett liegt hinter mir, der Koffer steht noch unausgepackt im Zimmer. In Gedanken hänge ich noch sehr in der ver­gangenen Woche. Ich denke gern zurück an viele tolle Menschen, die ich (wieder-)sehen konnte, an die Gespräche, die mich noch lange tragen werden. An Abendmahl. An Segen. Gemeinschaft. Lachen. Gedenken. Eine beeindruckende Predigt am Sonntag. All das war wunderbar, all das macht für mich Kirchentag aus und ich bin sehr dankbar dafür.

In diesem Jahr gab es für mich aber auch eine andere Seite des Kirchentags und die trübt das Bild. Sie lässt die vielen schönen Situationen nicht verschwinden oder hebt sie auf, aber sie trübt die Erinnerung jetzt gerade sehr massiv. Was für ein Vertrauen – mich haben die letzten Tage einiges davon gekostet.

„Alle Menschen sollen einfach dabei sein können – ohne besondere Erschwernis und selbst­bestimmt.“, schrieb der Kirchentag sich auf die Fahnen. Für mich hat das nicht funktioniert.

Drei Tage lang habe ich versucht, meine Teilnahme am Schlussgottesdienst zu organisieren. Ich war dafür im Zentrum Barrierefrei auf der Messe, am Infostand in der Innenstadt, habe vier mal mit der Infohotline des Zentrum Barrierefrei telefoniert, drei Mal mit den Johannitern, einmal mit der Helfenden-Hotline und hatte Kontakt zum Kirchentag über das Social-Media-Team auf Twitter. Für die Rückfahrt musste ich zusätzlich noch Absprachen mit der Hochschulgemeinde treffen, mit der wir im Reisebus an- und abreisten.

In meinem Kopf spuken diese Sätze, die ich bei all diesen Gesprächen hören musste und die mich verletzt haben.

Als ich sagte, dass ich diese Strecke nicht laufen kann, hieß es mehrfach: „Aber das ist wirklich nicht weit.“

Entfernungen werden sehr unterschiedlich wahrgenommen. Für mich hat das sogar mit Tageszeiten zu tun. Gerade am Morgen sind weite Strecken, und das sind manchmal eben auch schon Entfernungen, für die ich „nur“ 15min brauche, sehr anstrengend oder auch einfach nicht möglich.

Ich weiß, dass es ganz viele mit denen ich gesprochen habe, gut mit mir meinten. Sie wollten mit einem solchen Satz eher Mut machen, dass das klappen kann. Aber wenn ich dabei weiß, dass ich diese wirklich nicht weite Strecke nicht schaffe, dann streut es Salz in die Wunde, die ich seit zwei Jahren versuche zu schließen und als Teil von mir zu verstehen. Meine Grenze ist früher erreicht, vor allem nach vier vollen Tagen, die ich ja schon hinter mir hatte.

„Sie sind ein Sonderfall. Wir müssten eine Ausnahme für Sie machen.“ Und zwei Telefonate später dann der Tiefpunkt. Eine Mitarbeiterin des Kirchentages sagt mir: „Wir können nichts für Sie tun. Wenn Sie es nicht allein schaffen, können Sie leider nicht teilnehmen.“

Am Donnerstag war ich zuversichtlich. Wir hatten einen Vormittag auf der Messe geplant und wollten dort im Zentrum Barrierefrei Sitzplatzkarten abholen, von denen wir auf der Website des Kirchentages gelesen hatten. Dort am Tresen saßen vier Helferinnen. Die erste sagte uns, die Karten seien bereits alle verteilt. Die zweite wusste nicht von solchen Karten und ging irgendwohin, um jemanden zu Fragen. Die dritte fragte, nachdem wir nun schon eine ganze Weile dort saßen und warteten, wonach wir suchten. Wir erklärten es noch einmal, woraufhin sie einen Block nahm und uns ganz einfach zwei Sitzplatzkarten abriss und ohne weitere Erklärungen in die Hand drückte. Wir waren verwirrt aber recht positiv, immerhin hatten wir Karten bekommen.

Am Freitag erwähnte ich gegenüber einer Freundin, dass ich mir Sorgen um den Weg ins Stadion machte. Sie ermutigte mich, mich noch einmal an den Kirchentag zu wenden, schließlich hatte dieser die einfache Teilhabe versprochen und war nun also dafür zuständig. Sie hatte Recht, es brauchte aber diese Ermutigung, damit ich mich wirklich traute, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Weil ich nicht gerne telefoniere, versuchten wir es zuerst an einem der K-I-T-S-Stände. Online hieß es, man könnte sich an diese wenden. Dort sah man aber nicht ein, warum es für mich schwer sein könnte, ins Stadion zu gelangen. Ich hatte den Eindruck, die Helfenden waren im Vorfeld nicht wirklich informiert worden. Sie boten auch nicht an, sich zu informieren sondern verwiesen mich an die Hotline. Da der Stand auf dem Friedensplatz war, musste das ganze Gespräch sehr laut über den Tresen hinweg und durch die laute Musik geführt werden. Bei sensiblen Themen ist das sehr unangenehm. Nach diesem Gespräch weinte ich das erste Mal. „Das ist nicht weit.“ „Du bist doch selbst Helferin.“ Stimmt, warum stell ich mich auch so an?

Ich lese viele Berichte von Menschen mit Behinderung, die positive Erfahrungen mit Barrierefreiheit auf dem Kirchentag gemacht haben. Ich freue mich sehr darüber. Es gab ein großartiges Angebot von Rollstuhlverleih und -reparaturservice, Kinderbetreuung, leichter Sprache bis zu Gebärdendolmetscher*innen und vielem mehr. Das ist nicht selbstverständlich auf Groß­veranstaltungen. Der Kirchentag hat in diesem Bereich viel geleistet und ich will mit meinem Erfahrungsbericht diese Erfolge nicht klein reden.

Dass es aber als Sonderfall gilt und einem auch noch mal richtig als solcher „vorgeworfen“ wird, wenn man zwar laufen nur eben nicht weit laufen kann, finde ich erschreckend. Mehrmals hieß es, ich könnte Hilfe bekommen, wenn ich eben einen Rollstuhl oder Rolator hätte. Habe ich aber nicht. Und die Anzahl von 36 Rollstuhlplätzen im Stadion für den Schlussgottesdienst ist dazu auch deutlich geringer als ich es mir vorgestellt und gewünscht hätte.

Situationen, die vorher nicht geplant wurden, können immer entstehen. Wenn es aber schon ein Zentrum gibt, in dem alles zur Barrierefreiheit gebündelt ist, wieso ist es dann so sehr meine eigene Aufgabe, einen Weg zu finden? Wieso musste ich so viel Kraft und Zeit aufwenden, es immer wieder selbst und neu versuchen?

Die vier Telefonate mit der Hotline im Zentrum Barrierefrei führten zum Tiefpunkt mit der Aussage des Kirchentages, sie könnten rein gar nichts für mich tun. Es täte ihnen leid und würde ja auch hart klingen, aber wenn ich es nicht allein schaffe, kann ich eben nicht am Gottesdienst teilnehmen. Wäre nicht eine Freundin bei mir gewesen, hätte ich an dieser Stelle aufgegeben. Ich war so erschöpft, so verletzt. Es wäre mein erster Kirchentag ohne Schlussgottesdienst gewesen. Und ich hatte mich gerade in diesem Jahr so darauf gefreut und auf Sandras Predigt. Sara vom Social-Media-Team des Kirchentages rief für mich direkt bei den Johannitern an und ermutigte mich, noch einen letzten Versuch zu wagen und direkt dort anzurufen. Ohne sie hätte ich das nicht mehr versucht. Es war alles schon so anstrengend gewesen.

Am Samstag Abend um 22:16 hatte ich endlich eine Frau von den Johannitern am Telefon, die mir sagte: „Frau Schönbeck, wir kriegen das hin. Das ist kein Problem.“ Ich habe geweint, sehr sogar. Sie war die Erste, die mir vermittelte, dass sich jemand darum kümmert, dass ich eben kein Sonderfall bin und dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, weil jemand meinetwegen mehr Arbeit hat. Ich bin Kirchentagsteilnehmerin wie jede*r andere, egal ob ich für die Teilnahme Hilfe benötige. Ich bin geschätzter Teil und ich habe ein Recht auf Teilhabe.

Sie organisierte einen Fahrdienst, der uns am Sonntag um 9 Uhr direkt an der Unterkunft abholen sollte um uns zum Stadion zu fahren. Der Fahrdienst war zwar nur für Rollstühle und Rollatoren geplant gewesen, „aber eine Fahrt mehr oder weniger ist ja keine große Sache“.

„Sie brauchen Hilfe? Aber Sie sind doch selbst Helferin.“

Ganz kompliziert wurden dann noch Kombinationen: Ich brauchte Unterstützung im Hinblick auf Barrierefreiheit UND war gleichzeitig Helferin. Das bedeutete unter anderem, dass mein Gepäck zur eigenen Helfenden-Gepäckaufbewahrung sollte. Darüber war nun wieder das Zentrum Barrierefrei nicht informiert. Sie empfahlen mir, um 7:30 ins Stadion zu kommen, wenn ich nicht in einer Schlange stehen und warten kann. Ob die Gepäckstelle zu diesem Zeitpunkt schon geöffnet ist, konnten sie nicht herausfinden. Als nun der Fahrdienst organisiert war, konnte er uns deshalb doch nicht ganz zum Eingang des Stadions fahren. Wir stiegen etwas früher aus, eine Freundin brachte von dort das Gepäck weg und wir gingen das letzte Stück zum Stadion zu Fuß. Der Weg für Menschen, die schlecht laufen können, führte durch eine Unterführung und beinhaltete deshalb eine, für mich steile, Strecke nach unten. Dort stellten wir fest, dass es direkt im Stadion eine eigene Gepäckaufbewahrung für diejenigen gab, die mit dem Fahrdienst gebracht wurden. Wieso niemand vorher davon wusste, ist mir unverständlich.

Als ich einen Rollstuhl ablehnte, der organisiert wurde ohne das mit mir abzusprechen, wies eine Freundin darauf hin, wie übergriffig sich das anfühlt. Ihr wurde daraufhin gesagt, sie habe ja überhaupt keinen Respekt vor Rollstuhlfahrern. So eine Aussage macht mich sprachlos.

Nach dem Gottesdienst war nicht klar, wo unser Reisebus abfahren würde und ob es eine Möglichkeit gab, möglichst ohne weites Laufen dorthin zu kommen. Mir wurde noch einmal klar, dass der Mangel an Informationen für mich mit am schwierigsten war. Und bei aller Hilfe ist Selbstbestimmung so wichtig. Ich entscheide, welche Hilfe ich benötige, wann meine Grenze erreicht ist und was ich annehme. Ich möchte in die Lösungsfindung einbezogen sein ohne damit eingelassen zu werden. Ich kann vielleicht schlecht laufen, aber reden und entscheiden kann ich trotzdem. Ich bin ein eigenständiger Mensch, unabhängig von einer körperlichen Einschränkung.

„Diese Plätze sind für VIPs reserviert. Was soll ich denn machen? Soll ich jetzt Leute bitten, für Sie aufzustehen?“

Im Stadion wurden unsere Platzkarten umgetauscht. Zum Glück brauchten wir keine Übersetzung in Gebärdensprache, die in unserem eigentlich Block gegeben war. Wir wurden einfach in einen anderen Block geschickt. Niemand fragte, ob wir solche Übersetzung brauchen.

Und plötzlich standen wir zwischen den wichtigen Anzugträger*innen in einem Block, der nicht auf Barrierefreiheit vorbereitet war. Die Helferin trug ein schickes blaues Kleid statt einer Pfadpfinderinnenuniform und sie machte uns sehr deutlich, dass sie nicht dort stand um jemandem wie uns zu helfen. Wir standen im Weg. Wir hatten doch tatsächlich nach einem der freien Plätze direkt am Ein- und Ausgang gefragt (nur eine Stufe zu gehen). Dort saßen aber nur die allerwichtigsten Gäste. Fühlte sich alles sehr christlich und gemeinschaftlich an. Niemand rutschte auf oder bot einen Platz nah am Eingang an. Wir mussten weiter nach oben und durch eine ganze Reihe durchrutschen. Aber hey, wir hatten gepolsterte Sitzplätze und standen im Flur direkt neben Herrn Bedford-Strohm. Dafür nimmt man doch gerne Schmerzen in Kauf. Nicht.

Ein Sechzigjähriger spricht zu seiner Kollegin über uns, er müsse für „die älteren Herr­schaften da“ kurz was klären.

Wir haben in den letzten Tagen viel gelacht. Es war ein verzweifeltes Lachen, eines das manchmal die Tränen ersetzen konnte, manchmal. Es blieb nichts anderes übrig. Es tut so weh. Ich blicke zurück und merke: Das Laufen war nicht die eigentliche Anstrengung. Ich bin müde und verletzt. Ich konnte weder einfach teilnehmen, noch war ich die ganze Zeit selbstbestimmt. Wäre ich allein gewesen, hätte ich nicht die Kraft gefunden, mich so für mich selbst einzusetzen.

Ich habe auf dem Kirchentag vieles genossen, auch den Schlussgottesdienst (danke Sandra für eine wunderbare Predigt, danke Lena für ein wunderbares Abendmahl). Und trotzdem oder eigentlich gerade deswegen sage ich:

Lieber Kirchentag, es gibt noch viel zu tun.

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Ein Gedanke zu “Werft mein Vertrauen nicht weg!

  1. Liebe Schaumbuergerin,

    beim Kirchentag in Dortmund war ich Mitglied der Projektleitung Kirchentag Barrierefrei und habe als einer der Vorsitzenden dieses ehrenamtlichen Gremiums auch Verantwortung für die Anliegen Teilhabe, Barrierefreiheit und Inklusion getragen.

    Es tut mir leid, dass Du (ich nehme hier unser Kirchentags-Helfer*innen-Du) Erfahrungen von Müdigkeit, Schmerz und Enttäuschung bei der Organisation Deiner Teilnahme am Schlussgottesdienst hattest. Die vorhandenen Serviceangebote – von der Kartenvergabe bis zur zusätzlichen Gepäckaufbewahrung – konnten wir hier eben nicht „einfach“ zur Verfügung stellen, für eine angestrebte selbstbestimmte Teilnahme.

    Ich entschuldige mich bei Dir, dass Du die Mühen und den Zeitaufwand hattest, vor allem dass Du nicht erleben konntest, ein „geschätzter Teil“ zu sein.

    „Lieber Kirchentag“, so schreibst Du, „es gibt noch viel zu tun.“ So ist es. Die von Dir geschilderten Erfahrungen fließen in die Auswertung des Kirchentag Barrrierefrei ein. Danke für Deine persönliche, konkrete Rückschau. Wir wollen es wirklich, dass alle Menschen einfach beim Kirchentag dabei sein können.

    Mit einem herzlichen Gruß

    Michael

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