Gummistiefel zum Talar.

Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe beiden Äuglein zu.
Vater lass die Augen Dein
Über meinem Bettchen sein.
Hab ich Unrecht heut getan,
Sieh es lieber Gott nicht an.
Deine Gnad und Jesu Blut
Machen allen Schaden gut.
Amen.

Beten tut man immer nach dem Zähneputzen,
wenn man im Bett liegt, kurz vorm Schlafengehen.
Na gut. Nicht immer. Eigentlich nur bei Oma.

Sie setzt sich an mein Bett und nimmt meine
gefalteten Hände in ihre faltigen Hände
Und dann sprechen wir gemeinsam
diese Worte, die man eben so sagt, nicht hinterfragt
Denn: Omas wissen sowas.

Wenn sie vom lieben Gott spricht,
klingt es immer so als würde sie ihn ziemlich gut kennen,
und ich war mir als Kind immer sicher,
hätte er einen, meine Oma dürfte Gott bestimmt beim Vornamen nennen.

Heute hilft mir keiner mehr beim Beten.
Hilft mir, die des Tages verdrehten
Gedanken zu sortieren und entwirren
Worte zu finden, mich nicht zu irren.
Niemand faltet mit mir die Hände,
legt meine in seine und spricht mit seinem Blick
in meine Kinderaugen Bände
von Liebe und von Familie,
die den für mich leeren Worten damals Inhalt gaben
und so an Gott konnten übertragen
was ich fühlte ohne zu sagen.

Die Wahrheit ist wohl:
Ich bin aus den Kinderschuhen herausgewachsen.
Sie passen mir heute nicht mehr.
Sie sind einfach zu groß.
Selbst mit den dicksten Winterkuschelstricksocken,
zwei an jedem Fuß, frag ich mich bloß
wie sie jemals passen konnten
und die einzige Antwort scheint wohl zu sein:
Als Kind lebt man auf großem Fuß.

Kinder spazieren nicht, Kinder rennen.
Kinder umgehen nicht, Kinder springen mitten rein in die Pfütze.
Kinder treten nicht auf, sie trampeln und hüpfen, sie
tanzen weil es Spaß macht, sie lachen und hopsen und toben.

Kinder glauben auf großem Fuß. Und ich frage mich:
Wo bekomme ich die passenden Gummistiefel zum Talar?
Denn, ich will in Pfützen springen wo andere Fettnäpfchen umgehen,
will laute Lieder singen weil Kirche nicht heißt still zu stehen
Ich will echt sein und ich sein, will meinem Glauben neue Worte verleihn
Ich will nicht schweigen, wenn mich etwas stört
und wenn sich dann auch jeder empört
weil sich das nicht gehört
dann bin ich trotzdem betört
denn jemand hat mir zugehört.

Meine Gummistiefel tragen ein buntes Blumenmuster.
Gar nicht so leicht zu kombinieren, aber dafür ist ja so ein Talar schwarz.

Was zum Schluss noch bleibt ist Warten auf den nächsten Regen.
Ängste und Was wäre wenns beiseite legen.
Dann heißt es: rein in die Kinderschuh-Gummistiefel-Riesen.
Und schon könnte nichts mehr den Moment vermiesen.

Also los. Lasst uns in Pfützen springen, Kind sein, klein sein auf großem Fuß.
Mit wachen Augen, wie damals beim Beten wenn noch niemand ans Schlafen dachte.
Mit offenem Herz, das sucht und hofft und wartet auf diesen Blick, das Angeblickt werden.
Mit gefalteten Händen, meinen in deinen, gemeinsam, zugleich gehalten und Halt gebend.

Das Beten hatte ich verlernt.
Habe um Worte gerungen,
die nicht meine sein wollten.
Erst vergessen, dann gelassen.

Niemand faltet heute mit mir die Hände,
legt meine in seine und spricht mit diesem Blick
in meine Kinderaugen Bände
von Liebe und von Familie,
die den für mich leeren Worten damals Inhalt gaben
und so an Gott vielleicht konnten übertragen
was ich fühlte ohne zu sagen.

Was ich fühlte ohne zu sagen.
Ich hatte damals keine Worte.
Warum sollte ich heute immer welche haben müssen?

Ich wünsch mir mehr Glaube wie aus ner Kinderabteilung
Glaube lebt von Vertrauen, nicht von Erfahrung.
Ich will lernen, auf großem Fuß klein zu sein,
barfuß den Boden zu spüren, mit jedem Schritt ins Leben hinein
ohne Größenwahn an Großes glauben, das Gute sehn
Gott immer neu entdecken, wenn auch nie ganz verstehn.
Ich will in Kinderschuh-Gummistiefel-Riesen zur Kirche gehn.

Nun sag, wie hast dus mit dem Beten?

Hände falten.
Atem anhalten.
Tag verwalten.
Sorgen erkalten.
Worte gestalten.
Auf Empfang schalten.

Segnen und gesegnet sein.
Fehlbar sein und Recht haben.
Gerechtfertigt ohne sich zu rechtfertigen.
Suchend sein, findend und suchend bleiben.
Selig sein. Heilig. Ganz sein in Bruchstücken. Fragmenten.
Vollkommen in Zerbrechlichkeit.
Verwundet sein und heil werden.
Verwundert sein und bewundernd.
Zweifelnd und ringend.
Sehnsüchtig. Suchend. Glaubend.

Kinder glauben auf großem Fuß. Sie vertrauen und staunen, sie glauben Dir und an Dich.
Kinder glauben auf großem Fuß, mit wachen Augen, mit offenem Herzen, Hand in Hand.

Müde bin ich, geh zur Ruh…

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