Was es bedeutet, Kirche zu sein.

Manchmal stelle ich mir vor, die Kirche wäre ein Puzzle. Nicht eines dieser Kinderpuzzle, sondern eines der ganz Großen mit besonders vielen Teilen. Dieses Puzzle ist nicht mehr das Neuste. Es ist sogar schon so alt, dass mehrere Generationen daran gearbeitet haben. Sie haben Teile ergänzt, Passendes zusammengesteckt und manchmal auch Verbindungen wieder gelöst. Über die Zeit wurde das Puzzle an die nächste und die nächste Generation vererbt. Es ging immer mal wieder das eine oder andere Teil verloren und tauchte dann an anderer Stelle plötzlich wieder auf. Lücken schlossen sich. Muster entstanden. Ein großes Bild nahm nach und nach Form an.

Wir sind ein kleines Teil in diesem Puzzle, das nur gemeinsam ein Bild zeichnet von etwas Größerem. Wir sind ein Teil, angebunden an viele andere, passgenau in einer Lücke. Wir sind anders als die anderen. Wir sind was alle sind: ein Puzzleteil von Kirche.

Vor etwas mehr als einem Jahr kam er an: der neue leuchtend blaue Bauwagen wurde auf einem Tieflader zu uns nach Obernkirchen gebracht. In den folgenden Wochen begannen wir, den Wagen zu unserer Kirche umzubauen. Er bekam schmale Kirchenfenster mit Rundbogen, einen Glockenturm, einen Altar und vier gelbe Sofas. Aus einem Anhänger, wie man ihn sonst auf Baustellen vorfindet, wurde unser Kirchenmobil St. Marys. Irgendwie ist das ein schönes Bild: Ein Bauwagen steht für Veränderung, für das Entstehen von etwas Neuem. Wir bauen Kirche. So, wie sie uns gefällt.

Als Jugendliche haben wir einen besonderen Blick auf die Kirche. Wir kennen die Hürden, die es zu überwinden gilt, die Vorurteile, die mit den großen alten Gemäuern verbunden sind. Wir verstehen, dass es schwer sein kann, in Kirche einen guten Ort und einen Platz zu finden, an dem man einfach sein kann. Wir wollen Kirche machen, Kirche sein – für Menschen wie uns.

Wenn wir mit dem Kirchenmobil unterwegs sind, dann fahren wir zu Stadtfesten und Jugendfestivals, zu Antinazidemos und Kirchentagen. Wir wollen Kirche vor Ort sein und nehmen das „zu den Menschen gehen“ ganz wörtlich. Wir gehen raus, wagen uns aus den dicken Mauern unserer großen Sandsteinkirche heraus und lassen uns immer wieder überraschen, wo Gott schon so alles am Wirken ist, denn: Egal wie sehr wir uns bemühen neue Orte aufzusuchen, Gott ist immer schon da.

Angekommen am jeweiligen Ort geht es dann ganz schnell. Tür auf. Kerzen und Kreuz auf den Altar und eine Schachtel Kekse nach draußen auf den Stehtisch. Und dann: tun wir einfach nichts. Wir stehen, lächeln und bieten Kekse an. Und wenn jemand möchte, dann spricht er uns an und wir können uns unterhalten. Das fängt meistens bei ganz einfachen Fragen an wie: „Habt ihr die Fenster selbst eingebaut?“ oder „Ist die Anrichte nicht von IKEA?“.

Manchmal bleibt es bei dieser Art von Fragen. Und das ist ok. Oft erleben wir aber auch ganz besondere Momente, sprechen über die ganz großen Fragen und wir merken wie befreiend es zu wirken scheint, wenn da jemand ist, der einfach zuhören möchte. Es ist ganz leicht ins Gespräch zu kommen. Es ist unverbindlich und authentisch. Wir zwingen uns niemandem auf und haben keine Erwartungen. Wir wollen einfach nur da sein und überlegen, was wir vor Ort in dieser Situation als Kirche Gutes tun können. Es geht nicht darum, neue Mitglieder zu gewinnen. Es geht nicht um uns. Kirche lebt vom Mitmachen. Wir wollen nicht nur Konsumenten sein, sondern die Kirche von morgen mitgestalten, denn sie wird unsere Kirche sein.

Kirche lebt vom Mitmachen und sie lebt vom Ehrenamt. Immer wieder gucken wir in überraschte Gesichter, wenn wir erzählen, dass das ganze Kirchenmobil-Team aus Ehrenamtlichen, Jugendlichen wie Erwachsenen besteht.

Wir sind alle Kirche. Gemeinsam.

Unser Kirchenmobil ist immer wieder Auslöser für diese Fragen nach morgen. Wenn ein Bauwagen Kirche sein kann, was ist dann eigentlich „Kirche“? Was macht Kirche heute aus? Worauf können wir verzichten? Was ist es, was uns so viel an ihr bedeutet und wie können wir andere daran teilhaben lassen?

Wir wollen zeigen, dass Kirche überall sein kann und vor allem, dass wir jeden willkommen heißen. Wir wollen Kirche sein für und mit denen, die in klassischen Gemeinden keinen Anschluss finden. Wir wollen unsere Perspektiven nutzen, unsere ganz eigene Sicht auf die Kirche um sie zu bereichern und das bestehende Angebot von Kirche mit den Dingen, die wir gut können, erweitern.

Wenn wir als Kirche bunt und vielfältig sind und alles Konkurrenzdenken einfach mal vergessen, dann können wir vielen Menschen eine Heimat bieten. Dann passen wir wie Puzzleteile in einander, geben uns Halt und bilden ein großes Ganzes. Eine Kirche, die gemeinsam in Vielfalt in die Welt geschickt ist. Eine Kirche, die so bunt ist wie die Menschen in ihr.

Eine Kirche in blauen Bauwagen und großen Sandsteinkathedralen.

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